Bikini Body oder : Den Body hast du schon, du brauchst nur noch den Bikini

    Alle Jahre wieder

    Es ist wieder soweit. Aus (zugegebenermassen grausam beleuchteten) Umkleidekabinen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Starbucks-Sitzecken hört man sie – in noch höherer Frequenz als das restliche Jahr hindurch – Frauen, die sich über ihren Körper beklagen.

    Unaufhörlich, unersättlich gar tragen sie ihre Mängellisten vor wie Klagelieder. Die Form der Brüste ist mit Sicherheit zu nah an der von Verkehrspylonen, vom Grössenunterschied fangen wir gar nicht erst an, die Cellulite-Dellen würden jeden Kartographen in Entzücken versetzen und die Oberschenkel – MEIN GOTT DIE OBERSCHENKEL – sind bestenfalls mit dem Umfang von U-Booten aus dem 2. Weltkrieg zu beschreiben.

    Ob die Urheberin Anlass zur jeweiligen Jammerkakophonie hat, ist völlig unerheblich. Und dass auch Männer sich mehr und mehr von dieser Die-Götter-sind-entsetzlich-gemein-zu-mir-Epidemie anstecken lassen, ist ausser Frage. Aber wir Frauen schlagen immer noch alle Rekorde und deswegen geht es heute um uns.

    Wer hat’s  erfunden?

    Wieso tun wir das? Wieso setzen wir alles daran, unser Erscheinungsbild zu sezieren und somit zu zerfleischen? Haben wir der guten alten Bedürfnispyramide eine neue Etage aufgemauert („perfektes Aussehen gemäss geltenden Einheitsbreikriterien“)? Bietet die Endlosschleife von Banalitäten einen gemütlichen Stossdämpfer, um uns tatsächlich relevante Themen vom Hals zu halten?

    Ganz dahintergekommen bin ich nicht. Und kommt mir jetzt bloss nicht mit den bösen, fiesen Medien. Ja, Models, die kaum das Gewicht ihres eigenen aufgeblasenen Köpfchens tragen können, gibt es. Genauso wie mehr als fragwürdige Trends auf sozialen Medienkanälen und eine Überdosis Photoshop für jede erschöpfend öde Eistee-Werbung. Aber sollten wir tatsächlich nicht fähig sein, derartige Fantasiekreationen von der Realität zu unterscheiden, dann haben wir es nicht anders verdient, als an unserem über-gesunden Hanfsamenpulver zu ersticken.

    Warum es eine ganz blöde Idee ist, sich selbst nicht zu schätzen

    Obacht, hier wird die Sprache kurz graphisch. Liebe Mitweiber: Wenn ich mitbekomme, dass ihr mit euren Titten und Ärschen nicht klarkommt, dann muss ich davon ausgehen, dass ihr auch mit euren Jobs, der Aufzucht eurer Kinder, dem Fahren schwerer Vehikel und der regelmässigen Fütterung von Haustieren nicht zurechtkommt.

    Es dürfte überflüssig sein, zu erläutern, dass uns derartiges Verhalten unermesslich schwächt. Die Haltung gegenüber unseren Körpern repräsentiert die Haltung zu unserem gesamten Selbst, kompromiss- und schonungslos. Gestehen wir uns selber geringen Wert zu, haben wir in unseren eigenen Augen je länger je weniger Wert.

    Und wisst ihr was: die Welt sieht das genauso, bewusst oder unbewusst. Zum Beispiel eure Chefs, die immer noch zu selten Frauen sind und euch vielleicht immer noch weniger zahlen als euren männlichen Gspänli. Oder eure Familien, die so gar keine Wertschätzung für eure zahlreichen Aufopferungen und Engagements haben.

    Gegenmittel

    Wir selbst bringen uns in die Bredouille, wenn wir uns und unseren treuen Körper nicht schätzen. Ja, vielleicht hat’s uns die Mama halt so vorgelebt und vielleicht haben wir zu viele glänzende Magazinfotos gesehen, aber halten wir uns nicht mit Ausreden auf, für die jegliche Wiedergutmachung zu spät ist. Aus Teufelskreisen können Engelskreise werden.

    Wie bei allem im Leben hilft es ungemein, mit Bewusstheit an die Sache zu gehen (und ein bis zwei Gehirnzellen mehr als ein Gebüsch zu haben – das ist aber ein anderes Thema). Machen wir uns bewusst, wer es uns ermöglicht, diese Welt und dieses Leben zu erfahren. Wer uns durch die Strassen trägt, mit uns sonnengewärmte Erdbeeren geniesst, uns  Höhepunkte fühlen und laut herausschreien lässt: unser Körper, unser bester, treuester Alliierter. Nie verpasst er es, uns darauf aufmerksam zu machen, dass uns etwas fehlt, immer ist er ehrlich zu uns und spiegelt unseren inneren Zustand klar wie ein Gebirgssee.

    Ehrliche Wertschätzung führt unweigerlich dazu, dass wir uns selbst mehr Sorge tragen. Und dass wir auch mehr Klarheit erlangen, was wir überhaupt ändern können und was ausserhalb unseres Einflussbereiches liegt; sich nonstop über Tatsachen zu ärgern, die nicht veränderbar sind, ist, gelinde gesagt, saublöd. Und kostet Unmengen Energie und Zeit. Zeit und Energie, die man besser mit Bewegung in der Natur oder einem guten Buch im Schatten verbringt.

    Für mich persönlich hat die letztjährige Teilnahme am 100km Lauf in Biel den Wendepunkt gebracht. Ich glaube, niemand (schon gar nicht mit meiner miserablen bis non-existenten Vorbereitung) kann 100km laufen und dann zu ihrem Spiegelbild in der Garderobe sagen: Du, das war ja schon ganz ok, aber deine Nilpferdschenkel lassen also echt zu wünschen übrig..!

    An dieser Stelle lohnt es sich zu sagen: Bestimmt bringt ihr das auch mit weniger drastischen Mitteln hin. Und wenn zwischendurch mal alle Stricke reissen und wir doch einen bad body day haben, einfach dran denken: die anderen müssen uns ja anschauen, nicht wir, ätsch. Und dann eine Runde im Regen rennen oder das Bett ordentlich zerwühlen, eine heisse Schokolade (ich schlage vor: mit Schlagrahm) trinken und uns mit uns selbst aussöhnen.

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