Schichtarbeit und Schlaf – die Quadratur des Kreises?

    Leben gegen den Rhythmus

    Seit einigen Jahren arbeite ich nun in einem Betrieb mit sogenannt unregelmässigen Wechselschichten. Dies bedeutet für uns Mitarbeiter, dass unsere Schichten konstant und ohne jeglichen Rhythmus wechseln – weder wöchentlich noch monatlich lassen sich irgendwelche Muster feststellen, was Schichtzeiten oder Freitage angeht.

    Ein zweiseitiges Schwert

    Diese Form der Schichtarbeit hat viele Vorteile – muss ich zum Beispiel auf die Gemeinde oder Post, so kann ich dies nervenzusammenbruchfrei tun und muss trotz deren menschenfeindlichen Öffnungszeiten keinen freien Tag beim Chef beantragen. Will ich einkaufen gehen oder auf die Skipiste, zum Arzt oder in den Zoo, kann ich das in der Regel ohne Schlange stehen organisieren.

    Demgegenüber stehen einige mehr oder weniger offensichtliche Nachteile. Um mein soziales Umfeld ausserhalb der Firma zu pflegen, betreibe ich einen eindeutig höheren Aufwand als Freunde mit klassischen Arbeitszeiten. Regelmässigkeit kenne ich nicht – Schlafen, Essen und Sport folgen dem „Ich kann wenn ich kann“-Prinzip; dieses habe ich selbstverständlich soeben erfunden, es wird aber vermutlich von vielen Genossinnen und Genossen auch so gelebt.

    Erschöpft und ungeniessbar

    Wie wichtig Schlaf ist, fällt mir auch erst seit einigen Monaten auf (DAS haben die Leute also gemeint wenn sie erhobenen Zeigefingers und himmelwärts gereckter Augenbrauen die „ja wart nur bis du ein paar Jahre älter bist..!“ Vortragsreihe eingeläutet haben). Aber seitdem ordentlich. Die drei bis vier Stunden Schlaf vor dem Frühdienst sind mir zu wenig – den Dienst überstehe ich zwar konzentriert und ohne Probleme, aber der Rest des an und für sich freien Nachmittags ist nur noch semi-geniessbar. Wechsel von sehr späten oder Nachtschichten auf Frühschichten (natürlich unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften) veranlassen mich zu Gemecker und schlechter Laune, welche ich gemeinerweise hin und wieder filterfrei auf meine Umwelt prallen lasse. Die Nachtschichten hinterlassen deutliche Spuren – oft fühle ich mich am Tag darauf (nach dem Aufstehen um die Mittagszeit) gedämpft und etwas neben den Schuhen. Dass meine gesamte Schlafbilanz einen Schlafmangel von durchschnittlich zwei Stunden pro Nacht aufweist, führt erwartungsgemäss zu einer niedrigeren Lebensqualität als gewünscht.

    Too much work

    Was meint Dr. Google?

    So kam es, dass ich das Thema Schichtarbeit und Schlaf etwas zu recherchieren begann. Die ernüchternde Einsicht folgte rasch: Der Biorhythmus lässt sich zwar temporär verwirren und austricksen, aber der bleibt, wo er ist – mitten in unserem System. Und ein Leben gegen den eigenen Rhythmus zu führen bedeutet, ein Leben gegen den Strom zu leben. Das schleckt keine Geiss weg. Die gefundenen vielschichten Tipps und Tricks für Schichtarbeiter sind von „sehr hilfreich“ bis „Mumpitz“ einzuordnen (so gut es auch gemeint ist, dass ich mir einen Scheinwerfer auf’s Gesicht richte während der Nachtschicht oder während derer kurz „nappe“, kann kaum die Lösung sein).

    Und was hilft tatsächlich?

    Meiner Erfahrung nach ist eine konsequente Organisation das hilfreichste Mittel überhaupt – mein hehres Ziel ist es, pro Nacht acht Stunden zu reservieren, welche ich in meinem schön eingerichteten, frisch gelüfteten Schlafzimmer zubringe. Davon schlafe ich nicht die ganze Zeit, zu Beginn gönne ich mir einige Seiten eines guten Buches oder lausche meinem aktuellen Hörbuch (mit praktischem Schlaftimer). Vor dem offiziellen Lilö gibt’s eine letzte, kleine Tasse Tee.

    Theorie und Praxis

    Soweit die Idee! Die Umsetzung lässt natürlich gelegentlich etwas zu wünschen übrig. Wenn man um 04:00 Uhr aufstehen muss, ist eben auch das Nachtessen mit Freunden am Vortag um 18:30 Uhr keine so grandiose Idee. Darauf zu verzichten oder Geburtstagspartys zu verlassen, bevor alle Gäste ihre Mäntel ausgezogen haben, ist nicht immer wahnsinnig attraktiv. Und nach einer Nachtschicht acht Stunden zu schlafen, hat sich als idealistisch herausgestellt – der Rest der Welt lebt und lärmt draussen munter weiter und das bekommt man früher oder später einfach mit.

    Aber Leben bedeutet für uns alle auch zwangsläufig immer wieder: Kompromisse eingehen, das Beste aus den vorhandenen Mitteln machen und manchmal ganz einfach: gute Miene zum bösen Spiel machen und dem übermüdeten, zickigen Selbst ein Schnäppchen schlagen – ausgedehnte Wanderungen, Sport allgemein und spannende Begegnungen kann ich hierbei wärmstens empfehlen. Je mehr Zeit draussen verbracht wird, desto besser.

    Gute Nacht!

    Bald ist es Mitternacht und meine Pause zu Ende. Per Sms gehen noch ein paar gute-Nacht-Wünsche an Freunde raus, dann kommt der Flugmodus rein. Euer Tag endet, meiner nimmt noch einmal richtig Anlauf und geht in die zweite Runde. Ich liebe die Schichtarbeit und möchte sie noch viele Jahre gesund, freudig und energiegeladen ausführen können – ich werde also weiterhin munter versuchen, wenigsten ein bisschen Rhythmus in meinen Dschungel aus Arbeit und Privatleben zu prügeln. In diesem Sinne: Gute Nacht!

    Zur Gastbloggerin Sabrina Müller:

    Sabrina Müller eine langjährige Freundin, interessiert sich nicht zuletzt wegen ihres fordernden Jobs seit langer Zeit für das Thema Gesundheit, Sport, Schlaf, Entspannung und vieles mehr. Sie ist selber eine sehr aktive und neugierige Person und nicht ohne Grund seit unserer Schulzeit für ihre sehr unterhaltsamen Texte bekannt. Ich konnte sie dafür gewinnen, ihre Erlebnisse, Gedanken und einige Experimente in der kommenden Zeit mit uns auf meinem Blogg zu teilen und uns so diverse Themen in Bezug auf Gesundheit, Ernährung, Entspannung und Sport auf ihre Art näher zu bringen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit!

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