Wer mich beneidet, fühlt mich- Safi Nidiaye

    Dieser Auszug aus dem Buch: Wieder fühlen lernen von Safi Nidiaye hat mich sehr berührt, weil dieser Textausschnitt sehr passend ist für unsere Zeit- oder etwa nicht? Warum teilen wir anderen über Social Media Plattformen andauernd mit wo und mit wem wir sind, was wir erleben, sehen und ausprobieren? Wollen wir wirklich nur in Kontakt bleiben mit Anderen und teilen was wir erleben? Oder steckt mehr dahinter? Fühlen wir nicht, was wir fühlen „sollten“? Spüren wir uns zu wenig und wollen wir nicht hin fühlen, um was es wirklich geht?

    Du fühlst nicht, was du fühlen „solltest“

    Es ist Anfang Mai. Nach einem langen verschneiten Winter sind dies die ersten warmen Sonnentage, denen man zu trauen sich traut. Ich sitze auf einer überdachten Terrasse vor unserem alten Holzhaus und schaue über gründe- endlich nicht mehr weiss- graue, sondern leuchtend grüne! – Wiesen auf die Berge. Aus dem nahen Wald ertönt leises Vogelgezwitscher. Ab und zu ruft ein Kuckuck- ist das wirklich ein Kuckuck?- , die Sonne scheint, ein leiser, kühler Wind streicht mir übers Gesicht. Die Welt ist wunderschön. Ich möchte eine Freundin anrufen und ihr all das erzählen. Ich schäme mich zugeben zu müssen, was ich mir davon verspreche: dass sie mich beneidet. WARUM wünsche ich mir so was? Ich liebe meine Freundinnen von Herzen und wünsche Ihnen doch kein so unangenehmes Gefühl wie Neid!

    Was steckt dahinter?

    Ich weiss, warum ich es Ihnen erzählen will. Warum sie mich beneiden sollen. Damit wenigstens irgendjemand fühlt, was ich NICHT fühle. Damit sie stellvertretend das Glück fühlen, das ich hier erlebe, ohne es WIRKLICH zu fühlen. Und da sie es dann vielleicht fühlen würden, es jedoch nicht ihr eigenes wäre, stelle ich mir vor, dass sie neidisch wären. Aber nicht ihren Neid wünsche ich mir, sondern dass sie es fühlen. Denn ich fühle es NICHT. Ich sitze hier und schaue auf all das und finde es wunderbar –  ich meine, etwas Schöneres gibt es wohl doch kaum, Mai und Wiesen und Berge und Vogelgezwitscher und Sonne und kühler Wind und all das -, aber ich fühle mich gar nicht wunderbar. Weil ich mich überhaupt nicht fühle.

    Richte deine Aufmerksamkeit auf dich und deinen Atem

    Kaum ist mir das aufgefallen, beginnt meine Aufmerksamkeit sich auf mich zu richten, auf meinen Körper, meinen Atem. Wie erleichternd das ist. Bei mir sein. Meinen Atem zu spüren. Nun beginne ich langsam zu fühlen. Ich fühle die Müdigkeit in meinen Schultern, die Schwere, die auf mir lastet, das Gefühl von Niedergedrückt sein und verweile dabei. Wie gut es tut, es zu bemerken! Und es zuzulassen. Und ihm meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Dann entdecke ich, dass meine Augen sich anfühlen, als seien sie nur halb geöffnet, und spüre, dass in meinen Augen und meinen Wangen und Mundwinkeln so etwas wie Trauer klebt. Mit welcher Traurigkeit ich die Welt anschaue! Es ist, als ob nicht ich auf die sonnige Maiwelt da draussen schaue, sondern diese Traurigkeit schaut durch meine Augen und kann dieses Schöne nicht schön, sondern nur traurig finden. Als ich das bemerke, kehre ich meine Aufmerksamkeit um. Statt traurig auf die Aussenwelt zu schauen, blicke ich auf meine Traurigkeit. Und seltsam, auf einmal bin ich wieder da.
    Vorher war ich nicht da- da war Traurigkeit, und da waren Gedanken. Nun bin ich da und fühle mich. Fühle, wie mein Atem die Traurigkeit erfasst und erspürt und durchdringt, bis ich nicht mehr Traurigkeit bin, sondern Traurigkeit fühle. WARUM bin ich denn so traurig, frage ich mich. Weil ich kein Zuhause mehr habe, sagt eine leise, traurige Stimme. Da verstehe ich. Obwohl ich hier das wunderbarste neue Zuhause habe, das man sich denken kann, ist ein Teil von mir traurig, weil ich mein altes Zuhause verloren habe. Mein Herz öffnet sich der Traurigkeit in Verständnis und Mitgefühl, und dann entdecke ich, dass ich unbewusst gedacht habe, dass ich heimatlos bin, dass aber Heimatlosigkeit in Wirklichkeit ein Gefühl ist und KEINE Tatsache. Nun kann ich Heimatlosigkeit fühlen anstatt heimatlos zu sein. Es ist ein herumirrendes, haltloses Gefühl und es endlich zu fühlen anstatt es zu sein, gibt mir Heimat und Halt- den Halt und die Heimat in mir selbst, die ich verloren hatte, damals, am Anfang meines Lebens, als ich wieder und wieder von einem Ort und einer Bezugsperson zu einem anderen Ort und anderen Bezugspersonen transportiert worden war.

    Fühlend, ehrlich im Hier und Jetzt

    Wenn ich nun auf die grünen Wiesen, die blauen Berge und den zartblauen Wölkchenhimmel schaue, nehme ich neben der Traurigkeit und der Heimatlosigkeit auch ein Gefühl von Neugierde und Offenheit war. Und ich erkenne, dass das ganze Glück, das ich vorher so gern mit meinen Freundinnen teilen wollte, ein falsches, herbeigeredetes Glück war, herbeigeredet deshalb, weil ich in Wirklichkeit unendlich traurig war und das nicht wahrhaben wollte.

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    Drei Schritte dich und deine Gefühle wieder besser wahrzunehmen:

    1. Atmen, atmen, atmen (Wo spüre ich den Atem? Wie fühlt sich tiefes Ein- und Ausatmen an?)
    2. Den Körper wahrnehmen (Wie fühlt sich dein Körper an? Schwer, verspannt, leicht, warm usw.)
    3. Was für ein Gefühl versteckt sich in mir? (Warum bin ich verspannt, fühle mich schwer, müde usw.?)

    -> Achte auf  deine innere Stimme, sie wird dir antworten. 🙂

     

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